Samstag, 28. August 2010

Deine Bedürfnisse, meine Bedürfnisse

Was sind die Bedürfnisse der lernbehinderten Menschen und wie unterscheiden sich diese von den Bedürfnissen ihrer Familien, ihrer Eltern? Betroffene der Gruppe Mitsprache schildern ihre Erfahrungen.



Peter Wehrli: Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer

In der politischen Diskussion über die Rechte von behinderten Menschen wird immer wieder von den Bedürfnissen behinderter Menschen gesprochen, ohne dass die Betroffenen die Möglichkeit haben, dazu Stellung zu nehmen. Das ist ganz speziell der Fall bei sogenannt „Geistig Behinderten“, oder wie wir es lieber sagen: Bei lernbehinderten Menschen. Was sind die Bedürfnisse der lernbehinderten Menschen und wie unterscheiden sich diese von den Bedürfnissen ihrer Familien, ihrer Eltern? Wo sind die Unterschiede, wo sind die Gemeinsamkeiten? Diese Fragen stellten wir den wirklichen Experten auf diesem Gebiet, nämlich den Betroffenen selber. Bitte sehen Sie selbst.

Silvio R: Es geht in diesem Film um die Erwartungen der Eltern an die Söhne oder Töchter und umgekehrt. Was die Eltern für Erwartungen haben und was die Söhne für Erwartungen haben. Joel, was sagst Du dazu? Deine Eltern wollen…

Joel T: Dass es mir gut geht.

Silvio R: Dass möchten Deine Eltern, oke. Und was möchtest Du von Deinen Eltern?

Joel T: Dass sie nicht so viel dreinreden.

Silvio R: Und was erwartest Du von Deinen Eltern?

Elisabeth E: Dass sie noch lange leben. Und dass sie gesund bleiben.

Silvio R: Und die Frage geht auch an Maria… Was hast Du für einen Wunsch an die Eltern?

Maria W: Dass sie mich so akzeptieren, wie ich bin. Ich habe mir einfach immer gewünscht, dass sie mich als ihr Kind akzeptieren. Sie akzeptieren meinen Bruder mehr als mich und das finde ich nicht so toll. Das macht mich traurig.

Silvio R: Und was hatten die Eltern an Dich für Erwartungen?

Maria W: Sie haben immer gesagt, dass ich behindert bin. Dass ich in der Schule nicht gut bin, und dass ich dieses und jenes nicht kann. Sie hatten immer Vorwürfe gegen mich, die nicht so gut waren.

Silvio R: Also sie haben von Dir erwartet, dass Deine schulischen Leistungen besser werden?

Maria W: Sie haben von mir erwartet, dass ich nicht so lerne, wie ich will. Ich wollte vorwärts machen mit Lernen und sie haben mir immer gesagt: „Nein, das darfst Du nicht, denn Du bist behindert.“ Und das hat mir einfach sehr sehr sehr weh getan.

Silvio R: Ja also mein Vater hatte zum Beispiel wenig Zeit, um mit uns zu spielen, oder einfach da zu sein. Das hat er der Mutter überlassen. Und meine Erwartungen wären eben gewesen, dass er etwas Zeit für uns gehabt hätte und mit uns gespielt hätte und so. Und seine Erwartung war einfach immer, dass er mir gesagt hat: „Ja also, wenn Du ganze Gedichte im Kopf behalten kannst, dann kannst Du auch rechnen!“ Er hat halt einfach immer gemeint, wenn ich das könne, dann könne ich das Andere auch. Und das sei nur Faulheit. Oder das sei nur nicht wollen, oder so. Meine Stärken sind jetzt eben in Gottes Namen einfach Gedichte, Theater und so weiter gewesen. Zahlen sind für mich sehr abstrakt.

Roger S: Jede Freundin, die ich damals hatte, konnten meine Mutter und mein Vater nicht akzeptieren. Ich hatte sehr sehr lange… Wir haben jetzt zum Beispiel zweieinhalb Jahre lang nicht mehr miteinander geredet, meine Mutter und ich, mein Vater und ich. Wir wohnen jetzt seit dem ersten September 2007 zusammen, Maria und ich. Sie ist zu mir gezogen. Von da an war bis vor Kurzem eigentlich Funkstille. Und jetzt, als wir von Horgen nach Vättis hinauf gezogen sind, ins Bündnerland, also ja, an der Grenze zum Bündnerland, kommen sie wieder und fragen: „Wie geht’s Dir?“ – Oder, solche Sachen muss ich mir jetzt anhören.

Silvio R: Auf die Frage nach den Forderungen der Eltern an uns und wir an die Eltern, hat Annemarie folgendes gesagt.

Annemarie M: Also ich habe gesagt, dass mein Vater ein Alkoholiker war. Mein Vater hat gesoffen wie ein Loch. Und ich bin in zwei Heimen aufgewachsen. Ich konnte früher nicht in die Schule, weil man immer wieder gesagt hat, ich sei dumm. Und zu Hause hat mein Vater meinen Namen nie gesagt. Mein Vater hat immer gesagt, ich sei dumm. Mein Vater hat einmal gesagt: „Du musst nicht lesen lernen, Du musst nur lernen zu arbeiten.“ Dann hab ich gesagt: „Ja aber Du, dass muss man beides können, nicht nur arbeiten.“

Silvio R: Was hast Du Dir erhofft, das er für Dich tun könnte?

Annemarie M: Also, dass er mal aufhört zu saufen (?) Ja das haben wir, ich hatte ja noch Geschwister, das haben wir immer gehofft. Aber die Hoffnung ist bald verflogen. Weil er im Jähzorn immer wieder alles zusammengeschlagen hat und uns zusammengeschlagen hat, ist unsere Hoffnung bald mal verflogen. So lange er gelebt hat und so lange er bei uns war… Er hatte ja drei Frauen. Und später als ich etwa 15 war, heiratete er nochmal eine Frau. Es hat dann mal geheissen, er habe sich gebessert. Da habe ich gesagt: „Ja, einen alten Baum kann man nicht umpflanzen. Ihr müsst mal aufhören. Dieser Mann ändert sich nie.“ – Er hat sich aber auch nie gebessert.

Silvio R: Mit meiner Mutter hatte ich einfach ein spezielles Verhältnis, ziemlich symbiotisch. Sie war für mich da, ich für sie. Ich habe eigentlich die Vaterrolle etwas übernommen. Bei mir war es einfach so, dass auch von ihr die Erwartung oder die Hoffnung da war, dass ich (schulisch) mitkomme und sie gesagt hat: „Es kann doch nicht sein, dass wenn ich Dir sage: „Bring das und das ins Wohnzimmer.“ Und du legst es im Gang hin und nach einer Stunde stehts immer noch dort. Das kann doch nicht sein. Du kannst ganze Theater-Rollen im Kopf behalten und das vergisst du.“ Und ich konnte ihnen das nicht klarmachen. Und das ist auch heute immer noch schwierig. Ich konnte es einfach nicht klarmachen, dass ein Unterschied besteht zwischen dem Lang- und dem Kurz-Zeit-Gedächtnis. Und das ist eben wirklich grauenhaft schlecht bei mir, das gebe ich zu. Wenn mir jemand vor fünf Minuten gesagt hat, wie er heisst, weiss ich das nicht mehr. Aber in zwei oder drei Stunden fällts mir dann wieder ein.

Peter W: Ob ich einen Wunsch habe? Dass er länger lebt. Das war mein Wunsch. Aber er ist schon lange gegangen.

Assistent: Was ist schon lange gegangen?

Peter W: Er ist gestorben.

Assistent: Dein Pappa?

Peter W: Ja. Das macht mich einfach traurig.



Silvio R: Ich habe ja auch eine 6-jährige Heimerfahrung gemacht. Und im zweiten Heim ist es wirklich auch nur darum gegangen… Das waren Schwer-Erziehbare, in Regensberg. Und die wollten mich abhärten. Die haben mir auch Angst gemacht und so weiter.

Interviewer: Und Du wolltest abgehärtet werden?

Silvio R: Nein, überhaupt nicht, überhaupt nicht! Im Gegenteil. Ah ja, das stimmt schon. Auf jeden Fall. Aber das mit dem Wohnzimmer stimmt nicht ganz. Nein, aber das ist schon richtig. Denn ich habe gefunden, dass es genug harte Kerle auf der Welt gibt, gewissenlose Menschen. Ich will das gar nicht.

Interviewer: Wer hat erfahren, dass seine Eltern Freude haben, wenn er eine Freundin oder einen Freund hat? Wer hat eher das Gegenteil erlebt? Oder wart Ihr immer ein Herz und eine Seele in dieser Frage?

Roger S: Oh nein.

Interviewer: Wie ist das bei den verschiedenen Leuten?

Joel T: Naja, meine Eltern hatten auch keine Freude an meiner Freundin.

Interviewer: Nicht?

Joel T: Nein.

Interviewer: Und Du schon?

Joel T: Ja… jetzt gegen Ende vielleicht auch nicht mehr so sehr. Sie hat dieses und jenes verlangt. Ja, dann hatten sie eigentlich schon recht. Am Anfang hatten sie nicht so recht.

Interviewer: Und heute würdest Du sagen, Du hättest es nicht versuchen sollen?

Joel T: Nein, heute würde ich sagen, hätte ich es eher nicht probieren sollen.

Roger S: Also bei mir ist es jetzt einfach so, dass sie… dass sie jetzt mit Mühe und Not Maria akzeptieren kann. Und jetzt wo wir in Vättis oben wohnen so oder so. Und ich denke viele Mütter müssen da, auch wenn es weh tut, sich mal in den Arsch kneifen und die Jungen oder die Töchter loslassen. Und loslassen, das ist bei den Müttern das schwierige Problem. Das können sie nicht. Sie können nicht loslassen.

Silvio R: Das stimmt schon, aber umgekehrt war es eben auch so. Ich konnte auch nicht loslassen. Wenn meine Mutter mal wegging und sie nicht anrief, zu der Zeit, zu der ich dachte, dass sie anrufen würde, dann habe ich schon den Umfallwagen gesehen und alles zusammen, dass da irgendwas passiert ist. Und umgekehrt auch.

Jürg I: Meine Mutter hat früher gesagt, ich könne nicht alleine wohnen. Dann hab ich mir gedacht: So, jetzt hau ich Euch übers Ohr. Jetzt zeig ich es Euch.

Assistent: Und was hast Du dann gemacht?

Jürg I: Als wir in Brunnen waren, habe ich mir kurz die Wohnschule angeschaut. Dann habe ich mich für die Wohnschule angemeldet. Jetzt bin ich in der Wohnschule.

Interviewer: Und jetzt ist Deine Mutter auch zufrieden?

Jürg I: Ja.

Interviewer: Obwohl sie nicht recht hatte? Manchmal sind wir ja froh, wenn wir etwas lernen.

Jürg I: Jetzt sieht sie’s dann.

Interviewer: Wolltest Du bei einer Familie wohnen, oder wollte Deine Familie, dass Du bei einer Familie wohnst?

Elisabeth E: Schon eher meine Eltern.

Interviewer: Deine Eltern. Du wolltest nicht so?

Elisabeth E: Am Anfang hatte ich etwas Mühe. Aber nachher bin ich gerne zu den Grafen gegangen.

Interviewer: Also hatten sie recht?

Elisabeth E: Ja sie hatten eigentlich schon recht. Doch, sie hatten recht.

Annemarie M: (…) Sie sind ja beide nicht bei mir aufgewachsen. Oder, sie sind in einer anderen Familie. Als sie 20 war, hat sie mich gesucht. Und dann haben sie mich dann auch gefunden. Dann hat sie immer wieder nach dem Vater gefragt. Unter anderem hat sie immer wieder gefragt: „Hast Du Fotos?“ Dann hab ich gesagt: „Nein Rahel, ich hab keine Fotos mehr, ich hab alle zerrissen.“ „Ja warum denn?“ Da hab ich gesagt: „Weil ich nicht mehr daran erinnert werden wollte.“ Und nachher habe ich sie dann auch immer wieder gefragt, nach der Familie… Als ich sie mal etwas gefragt habe, wurde sie wütend. Dann habe ich sie gefragt: „Warum wirst Du jetzt wütend?“ „Naja, weisst Du… Du gibst mir ja auch nicht richtig Antwort.“ Da hab ich gesagt: „Doch, Rahel, bei dem, was ich noch weiss, habe ich Dir immer eine Antwort gegeben.“ Nachher hab ich mal zu ihr gesagt: „Weisst Du, jetzt machen wir einen Kompromiss: Wenn ich was von Dir wissen möchte, dann komme ich und frage Dich. Und wenn Du von mir etwas wissen willst, dann fragst Du mich.“

Assistent: Warum sind denn die Kinder nicht bei Dir aufgewachsen?

Annemarie M: Weil ich sie nicht… Weil ich keine Hilfe hatte. Meine Familie hat einfach gesagt… Meine Mutter hat immer wieder gesagt: „Warum hast Du nicht abgetrieben? Warum hast Du es mir nicht gesagt?“

Roger S: Früher, als ich noch in Horgen gewohnt habe, habe ich mich nicht so wohl gefühlt wie jetzt, wo ich in Vättis wohne. Aber ein 8-Zimmer-Bauernhaus mit Scheune, das man mit einem Kachel-Ofen heizen muss, macht sehr viel Arbeit. Jetzt musste ich neulich Holz bestellen. Und das Holz deponieren. Schneiden, das geht mit einer Schneid-Maschine schon. Also ich kann mit der Motor-Säge umgehen. Aber Spalten muss ich jetzt auch lernen. Oder mir jemanden suchen, der mir das Holz spaltet, solche Sachen.

Interviewer: Sind alle froh, wenn Du das lernst?

Roger S: Also meine Mutter hat riesige Angst. Sie sagte: „Fass mir diese Motor-Säge nicht an! Du hast nur eine Hand. Und wenn Du diese Hand auch noch abhaust, dann hast Du gar keine Hand mehr!“ Ich höre sie heute noch. Aber ich fühle mich wohl dort oben. Pudelwohl. Wir können laut sein dort oben. Wir können… was können wir noch? Wir können es geniessen dort oben. Es ist einfach extrem schön.

Silvio R: Seit frühester Kindheit hatte ich den Wunsch, Auto zu fahren. Also wenn ich krank war musste sie mir nur einen Pfannen-Deckel ans Bett bringen und das war dann mein Lenkrad. Und dieser Wunsch war so stark. Ich konnte mir das aber erst mit 30 erfüllen, weil ich dann etwas Geld verdient habe mit einer Diashow. Und da haben einfach sehr viele gesagt: „Ja aber Du bist doch immer so zerstreut.“ Die haben einfach gemeint, das sei beim Autofahren auch so. Und da bin ich einfach wirklich unglaublich glücklich, dass ich mich da durchgesetzt habe. Ich hab einfach gesagt: „Ich will autofahren!“ Ich meine, immerhin habe ich meine Mutter 6 Jahre lang gepflegt und wir waren sehr auf das Auto angewiesen. Denn rollstuhlgängige Sachen liegen ja nicht um die Ecke. Da bin ich also richtig stolz, dass ich mich durchgesetzt habe. Ich verstehe aber auch die Bedenken meiner Mutter. Denn ich war wirklich zerstreut, so wie man sich einen zerstreuten Professor vorstellt. Immer in Gedanken wo anders. Und ich habe gesagt: „Hör zu, ich lebe so gerne, dass ich einfach aufmerksam bin beim Autofahren.

Elisabeth E: Jedes Mal wenn ich nach Hause gehe, geniesse ich meinen Vater. Dann kann ich immer mit ihm jassen und Tschau Sepp (Schweizer Version von Mau Mau/Neunerln) spielen. Dann habe ich immer Freude. Ich habe ihn sehr gerne, meinen Vater.

Texteinblendung: Wir danken den Mitgliedern der Gruppe Mitsprache für das Gespräch. / SL-TV 2010

Gruppe Mitsprache
C/o Bildungsklub Pro Infirmis Zürich
Hohlstrasse 560
8048 Zürich

www.gruppe-mitsprache.ch

Kommentare:

  1. Eindrücklich und EINLEUCHTENDER Bericht aus Expertensicht von SELBSTBETROFFENEN Frauen und Männern mit Behinderung!

    Leider kann ich den Film nur bruchstückweise anschauen :-(
    Ob ich wohl an meinen Compi-Einstellungen/Settings was richtigstellen muss?
    Hat mir jemand einen guten Tipp, wie ich den SL-TV-Beitrag "barrierefrei" abspielen kann?
    Herzlichen Dank und Gruss, Bernhard Pfaff

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  2. Eindrücklich und EINLEUCHTENDER Bericht aus Expertensicht von SELBSTBETROFFENEN Frauen und Männern mit Behinderung!
    Gratulation allen Beteiligten.

    Herzlicher Dank und Gruss vom Rhein
    Selbstbestimmtes Leben Schaffhausen, Bernhard Pfaff

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  3. @Bernhard: Rechts unten neben der Zeitleiste findest Du einen Knopf auf dem sich die Abspielqualität einstellen lässt (Eine Zahl und dann ein "p"). Achte darauf, dass die niedrigste Zahl angewählt ist. Danach empfehle ich Dir, das Video nicht sofort abzuspielen, sondern den PC zuerst ein, zwei Minuten laden zu lassen. Dann sollte es auch bei geringer Rechnerleistung gehen.

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  4. @David
    Besten Dank für den guten Tipp.
    Nach anfänglich stockendem Ladevorgang vor ein paar Stunden läuft das Video jetzt problemlos, ob aufgerufen über Facebook, oder ZSL-Home, oder YouTube.
    Soweit ich's beurteilen kann, funktioniert jetzt alles prima. Wahrscheinlich war ich anfangs wieder einmal etwas voreilig, zu ungeduldig ;-)
    So oder so: Danke!

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